Leseprobe »Leuchtendschwarzer Rabenmond« von Valentina Kramer

leuchtend schwarzer Rabenmond

Leseprobe

Leuchtendschwarzer Rabenmond

Prolog

     Ein Klappern reißt den Mann in Schwarz aus seiner Konzentration. Er schreckt auf und stößt einen Halter mit Reagenzgläsern um. Klirrend zerspringt das dünne Material auf dem Steinboden und eine grelle Flüssigkeit läuft in zähen Rinnsalen hinaus.
Der Mann stößt einen herben Fluch aus und bückte sich, um zu retten, was zu retten ist. Ein beißender Schmerz durchzuckt ihn. In der Ferne erklingt das Lachen von Jugendlichen. Unter seiner Kapuze verdrehen sich die Augen und aus der Fingerkuppe tropft Blut. Seufzend zieht er eine Schublade auf, entnimmt eine kleine Phiole. Sein Blick streift kurz den leuchtend grünen Inhalt und er unterdrückt ein Schaudern.
     Was muss, das muss!
     Ohne noch länger mit sich zu ringen, setzt er das Gefäß an die Lippen. Der beißende Geschmack des Gegenmittels breitet sich in seinem Mund aus und hinterlässt eine trockene Schicht, als hätte er Pulver gegessen. Moder und etwas Beißendes verbleiben. Trotz, dass er diese Prozedur mittlerweile teilweise mehrmals täglich vollziehen muss, wird er sich wohl nie an das spezielle Bouquet des Elixiers gewöhnen.
Er verzieht das Gesicht und wirft die Phiole in einen Eimer. Ein leises, gläsernes Klirren antwortet ihm. Dann zieht er den Schlauch aus einer Ecke, dreht an einem Hahn und lässt schlammig braunes Wasser herauslaufen. Scherben und das verlorene Produkt treiben wie träge Papierboote auf der Brühe, durch eine Rinne hinaus.
Der Umhang gleitet herunter. Ein blaues Hemd kommt zum Vorschein. Es ist Zeit, ins Leben zurückzukehren und seine Produktion auf die nächste Woche zu verschieben.
     Rabenbande, verdammte. Diese blöden Kinder sind genauso nutzlos wie die nervtötenden Krähenvögel.
     »Dann könnten sie wenigstens davonfliegen …«, murrt er halblaut und schlägt krachend die Tür der Blechhütte hinter sich zu.

Auszug:

     Ich schlucke und blinzle. Der Geruch von Schnaps und Bier dringt mir in die Nase und fährt mir direkt in den Magen. Ich versuche, flacher zu atmen und warte einen Moment, bis ich sicher sein kann, dass ich mich nicht schon vor dem Aufstehen unelegant den Rückständen von gestern Nacht entledigen muss. Dann setze ich mich vorsichtig auf.

Im Zelt ist es gleißend hell. Ich kneife die Augen zusammen und überlege, was ich wohl tun kann, um den Gesang der Vögel aus meinem Kopf heraus zu halten.
In meine Kniekehlen drückt sich die Kante der Luftmatratze. Ich gähne und bin stolz darauf, dass mein malträtierter Körper das noch irgendwie zustande bringt.
     Wasser.
     Meine Lippen fühlen sich rissig an und mein Kopf braucht dringend Flüssigkeit. Allerdings wird die Diskussion mit Izzy da wohl nicht wirklich dazu beitragen, wenn ich ihr ausreden muss, mir ein »Konterbier« anzudrehen.
    Izzy …
    Etwas in mir rührt sich und ich weiß, dass irgendwas nicht stimmt, aber noch komme ich nicht darauf. Als ich wieder blinzle, stelle ich fest, dass ich auf einem Schlafsack sitze, der nicht mir gehört. Über mich ist meine mintfarbene Wolldecke gelegt … Herkules. Langsam sickert die Erinnerung zurück und ich frage mich, wie ich diese Peinlichkeit jemals wieder gut machen kann. Ich bin eingeschlafen …
     Oh mein Gott.
     Ich fahre mir mit den Händen durch‘s Gesicht und überlege, wie ich mich entschuldigen kann. Wahrscheinlich ist schweigen die beste Idee. Lutz jedenfalls würde sich sicher lustig machen und Schiller hat garantiert ein passendes Zitat dazu. Ich seufze und sehe mich um. Die Stille, die über dem Zelt liegt, ist ungewöhnlich. Auch die Betten sind leer.
Ich schüttle den Kopf und versuche noch einmal genauer hinzusehen. Möglicherweise sind die Wände des Zelts dichter, als ich dachte. Langsam stehe ich auf, versuche das Blei in meinen Beinen zu ignorieren und das Dröhnen in meinem Kopf nicht dafür sorgen zu lassen, dass ich mich gleich wieder ins Bett lege.
Als ich die Zeltplane zurückschlage und mir den Arm über die Augen lege, um sie vor der Sonne zu schützen, empfängt mich Stille. Eine Tauschicht scheint vom Boden aufzusteigen und mich zu überziehen. Auch ohne sie stellen sich mir die Nackenhaare auf. Nichts bewegt sich. Keine Stimmen sind zu hören.
Meine Augen gleiten über den Zeltplatz bis zum Waldrand. Die Gegend ist verlassen.
»Das ist nicht witzig Leute. Haha, ärgern wir Cosima. Lustig. Kommt jetzt raus, das ist dämlich«, sage ich und bemühe mich, meine Stimme weniger wackelig klingen zu lassen, als sie ist. Ich zittere. Etwas Eisiges streckt seine Hände nach mir aus. Die Stille legt sich drückend auf meine Ohren.
»Das ist nicht lustig«, wiederhole ich. Doch noch immer regt sich nichts.
     Was für ein blöder Scherz …
     Doch kein Kichern fängt sich zwischen den Bäumen, niemand springt hinter einem Zelt hervor.
Langsam gehe ich zum Platz, auf dem wir gestern das Lagerfeuer gemacht haben. Haben Sie mich etwa hier alleine gelassen? Ich schüttle den Kopf. Sicher nicht, im aufgebauten Zelt, mit all ihrem Kram.
Ich schaudere und schlucke hart. Ein ungutes Gefühl breitet sich in meinem Magen aus, das nichts mit meinem Kater zu tun hat.
Hinter dem leicht qualmenden Überrest des Feuers stehen leere Bänke. Auch hier sind die anderen also nicht eingeschlafen. Ich spüre das Kribbeln der Panik überall.
     Was ist gestern Nacht hier passiert?
     Dann fällt mir etwas auf. Ich kneife die Augen zusammen und gehe noch ein wenig näher ran. Eine dunkle Gestalt lehnt mit dem Rücken an einer der Bänke. Erleichterung breitet sich in mir aus.
     Die Witzbolde sind wahrscheinlich ins Dorf gelaufen. Frühstück holen oder den Biervorrat auffüllen.
     »Guten Morgen«, sage ich und gebe mir Mühe nicht zu klingen, als hätten sie mir gerade den Schreck meines Lebens eingejagt.
Die Gestalt zuckt zusammen, dreht sich aber nicht nach mir um und schon ist die Erleichterung verfolgen. Aus tiefen Höhlen starren mich schwarze Augen an. Die Haut darunter vermittelt den Eindruck, als würde ich einer Leiche ins Gesicht sehen. Ich schlucke heftig, und versuche zu begreifen. In mir tobt ein Sturm. Die Gedanken schlagen wilde Purzelbäume, meine Hände zittern und etwas Hartes scheint mir die Stimmbänder zu verkleben.
Ein Schrei will sich durch meine Kehle zwängen, automatisch schließen sich meine Finger um meinen Hals.
Miles‘ Blick wirkt nach innen gerichtet, seine Lippen formen Worte, die ich nicht hören kann. Ich schüttle den Kopf, spüre eisige Kälte, die mir den Nacken hinabrinnt und sich tief in meine Knochen fräst. Ich schaudere, versuche, meine Gedanken zu sortieren.
»Wo sind die anderen?« Ich weiß schon, dass ich keine Antwort bekommen werde, dennoch stelle ich ihm die Frage. Die Stille, die folgt, verursacht mir eine Gänsehaut. Miles wendet den Blick ab, eine Hand streift über ein schwarzes Stoffbündel.
Meine Hand schnellt nach vorne, packt Miles an der Schulter und schüttelt ihn.
»Wo sind die anderen?«
Schwarze Augen mustern mich. Nichts daran zeugt davon, dass er mich versteht. Ich schüttle den Kopf.
»Miles! Sprich mit mir! Wo sind sie?«
Endlich sieht er mich an und in seinen Augen erlischt etwas. In mir zuckt ein undefinierbarer Schmerz blendend hell auf, tiefe Trauer überträgt sich aus den düster blickenden Augen in mein Herz. Miles schüttelt den Kopf.
Copyright: Valentina Kramer

»Leuchtendschwarzer Rabenmond« erscheint am 13.07.2017! 

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