Fanfiction zu „Die Greifen-Saga 02: Die Träne der Wüste“ von C.M. Spoerri

Achtung: enthält zwei Spoiler für die Alia-Reihe von C.M. Spoerri.

Maryo hatte Recht, als er ich in Westend an Bord der Cyrona ging und er mir sagte, dass der Zirkel von Chakas schöner und beeindruckender ist als der Zirkel von Lormir. Er hatte auch Recht damit, dass meine Ankunft im Zirkel nicht unbemerkt bleiben würde.
Als ich am späten Abend durch das Tor zum Zirkel trete, ist der Hof voller Magier. Sobald die ersten mich bemerkt haben und ihre Gespräche einstellen, werden nach und nach auch die anderen still und sehen mich an.
Magier haben eben eine Vorliebe für Kuriositäten. Und als Geschöpf, das eigentlich gar nicht existieren dürfte, zähle ich eben dazu. Keiner der Magier auf dem Hof hat je zuvor eine Halbelfe gesehen, denn Elfen und Menschen können zusammen keine Kinder zeugen.
Ich bin das Ergebnis eines Experiments des Schwarzmagier Xenos. Vor 20 Jahren führte er dunkle Experimente an Elfen und Menschen durch, als es dann irgendwann mich gab, stellte er die Experimente ein. Er versteckte mich im Zirkel, zog mich auf und bildete mich aus, förderte mein Wissen und meine Schwertkampfkünste. 20 Jahre litt ich unter seinen Stimmungs-schwankungen und seiner Grausamkeit, ich nutzte die erste Chance zur Flucht, die sich mir bot. Als Xenos in den Krieg gegen die Elfen zog, floh ich und schlug mich zu den Elfen im Westendwald durch.

Da hier aber niemand meine Begabung für die Wassermagie, die ich als Halbmensch entwickelt habe, schulen konnte, verließ ich die Elfen nach dem Sturz von Lesath und traf auf Maryo Valdóris und seine Cyrona. Er empfahl mir im Zirkel von Chakas um Hilfe zu bitten, immerhin ist der Zirkelleiter ein talentierter Wassermagier.
Unter den Magiern im Hof entsteht Unruhe, als die hinteren Reihen eine Lücke bilden, um jemanden durchzulassen. Aus den Reihen tritt ein schöner Mann. Er ist groß, kräftig, hat braun-blonde Locken und azurblaue Augen. Als er mich mustert, werde ich nervös. Seine Augen wandern von oben nach unten an mir herab. Ich weiß, was er sieht: eine etwas kleine, schlanke junge Frau mit langen kupferfarbenen Haaren, ebenmäßigen Gesichtszügen und grünen Augen. Außerdem die für Elfen typischen spitzen Ohren und die für Elfen untypischen üppigen Kurven. Ich bin ein Mischwesen, weder Mensch noch Elfe. Sein Schweigen beunruhigt mich, genau wie der warme Schauer, den seine Augen meinen Rücken hinunter jagen. Von seiner Reaktion hängt meine Zeit in diesem Zirkel ab. Gerade, als ich beschließe das Wort zu ergreifen sagt er endlich etwas.
„Herzlichen Willkommen im Zirkel von Chakas, Alari. Ich bin Cilian und leite den Zirkel.“ Auf meine überraschte Reaktion antwortet er mit einem Lächeln, das von den Worten: „Maryo hat Dich in einem Schreiben angekündigt und mich gebeten ein Auge auf Dich zu haben. Sieht so aus, als hättest Du unseren Seemann beeindruckt!“, begleitet wird. Cilian winkt mir ihm zu folgen. Ich bin unglaublich erleichtert, dass ich erst einmal im Zirkel bleiben kann.
Während wir durch die versammelten Magier gehen, ergreift er wieder das Wort: „Es ist schon spät, ich zeige Dir eben Dein Zimmer und morgen den Zirkel, dann sprechen wir auch über Deine magische Ausbildung.“ Ich folge im still und erschöpft durch die Flure des Zirkels. Dabei muss ich immer wieder auf seine breiten Schultern schielen. Warum beeindrucken die mich so? „Hier sind wir“, reißt mich Cilian aus meiner Grübelei, „Klingel, wenn Du etwas benötigst, Lorelei wird sich dann um Dich kümmern. Morgen nach dem Frühstück zeige ich Dir, wie gesagt, den Zirkel und auch unsere Greifen. Gute Nacht.“ Er lächelt und lässt mich dann alleine. Müde öffne ich die Tür, für das Zimmer habe ich keinen Blick mehr. Ich sehe das Bett, ziehe mich aus, lege mich hin und schlafe auch im gleichen Augenblick ein.

Am nächsten morgen weckt mich eine junge Frau, die wohl etwas jünger ist als ich. Sie hat lange blonde Haare, blaue Augen und trägt die Kleidung der Zirkeldiener. In ihren Händen trägt sie ein Tablet voll duftender Köstlichkeiten. Mein Magen meldet gleich lautstark Besitzansprüche an dem üppigen Frühstück an, was dem Mädchen ein kleines Lächeln entlockt.
„Guten Morgen, Herrin. Ich bin Lorelei und sorge für Euch, solange Ihr im Zirkel wohnt. Neben der Tür ist eine Klingel, über die Ihr mich jederzeit rufen könnt.“
Herrin? Bis vor kurzem war ich eine Gefangene, die nicht mal wusste, wie sich Gras anfühlt. So etwas wird nämlich in keinem Buch beschrieben. Zumindest in keinem von Xenos’ Büchern. „Guten Morgen, Lorelei! Ich bin Alari. Bitte nenn mich nicht Herrin. Das klingt so… falsch.“, äußere ich meine Bedenken. Lorelei stellt das Tablet ab, knickst leicht und lächelt mich offen an: „Gerne, Lady Alari. Der Zirkelleiter erwartet euch in 30 Minuten vor Eurem Zimmer, damit er Euch den Zirkel zeigen kann. Im Bad findet ihr eine Schüssel mit warmem Wasser zum waschen. Wenn Ihr Hilfe beim Ankleiden benötigt, klingelt einfach nach mir.“ Damit dreht sie sich um und lässt mich mit einem unbehaglichen Gefühl im Magen zurück. Das „Lady“ muss ich ihr auch noch abgewöhnen. Wenigstens scheint sie sonst kein schüchternes Mädchen zu sein, sondern fröhlich und lebenslustig. Ich glaube, wir werden uns gut verstehen.
Um keine Zeit zu vertrödeln, stehe ich auf, lasse das Frühstück schweren Herzens erst einmal stehen und sehe mich um. Das Zimmer ist schön. Groß, hell und luxuriös. Neben dem Bett gibt es noch einen Sekretär, einen Schminktisch und eine kleine Sitzecke. Hinter der Tür, die vom Zimmer abgeht befindet sich ein schönes Bad mit einem Badebecken, das in den Boden gelassen wurde. So etwas gab es in Lormir nur in Xenos’ persönlichen Gemächern. Wie angekündigt hat Lorelei die Schüssel auf dem Badetisch gestellt. Schnell wasche ich mein Haar und mich, dazu nutze ich eines der vielen Flakons, die im Bad stehen und alle gut duften. Rasch ziehe ich saubere Kleidung aus meinem bescheidenen Reisegepäck und schlüpfe in Hose, Tunika und Weste. Ich werde Lorelei bitten müssen, meine Kleider von gestern zu waschen. Als ich gerade versuche Ordnung in meine langen Haare zu bekommen, klopft es an der Tür. Oh nein! Ist es schon so spät ?!? Als hätte er meine Gedanken gehört, höre ich den Zirkelleiter rufen: „Alari? Bist Du soweit?“ Um nicht gleich einen schlechten Eindruck zu machen, binde ich meine Haare kurzerhand zurück, schlüpfe in meine Wildlederstiefel und schnappe mir ein immer noch lauwarmes Brötchen vom Frühstückstablet. Ich beiße ab, reiße die Tür auf und verschlucke mich, als ich in die strahlend blauen Augen des Zirkelleiters gucke. Hustend wünsche ich ihm einen guten Morgen. Er klopft mir auf den Rücken und als ich mich beruhigt habe gehen wir los.

Einen halben Tag später scheine ich immer noch nicht alle Wunder des Zirkels gesehen zu haben. Cilian, den ich zwischenzeitlich bitte nicht mehr Zirkelleiter nennen und vertraut anreden soll, weil er sich sonst so alt fühle, zeigt mir wirklich jeden Winkel des Zirkels.
Seine Schätze, die Greifen, hat er sich bis zum Schluss aufgehoben. Jetzt gehen wir zu den Ställen und mir schlägt schon der Geruch nach Pferd und… ja ein bisschen auch nach Katze entgegen.
Gerade als wir den Stall betreten, höre ich einen majestätischen Schrei und ein schwarzer Schatten stürzt auf uns zu. Instinktiv ducke ich mich und suche Deckung. Cilian lacht über meine Reaktion und erwartet freudig die dunkle Gestalt, die gerade die Flügel anlegt und auf uns zu kommt. Der Greif, ich begreife, dass es ein Greif sein muss, schreitet auf uns zu. Eine beeindruckende Mischung aus Löwe und Adler, aber schwarz wie die Nacht. Das Tier reibt seinen Schnabel an der Schulter von Cilian und beäugt mich dabei neugierig. Aus seinen Augen spricht eine Intelligenz, die ich bisher bei keinem Tier gesehen habe. Allerdings habe ich auch noch nicht so viele Tiere auf meiner Flucht und der Reise nach Westend getroffen.
Cilian murmelt dem Greifen etwas zu, dann dreht er sich um und winkt mich heran. Vorsichtig nähere ich mich den beiden. Als ich die Hand austrecke, um den Greifen zu berühren, schreckt er zurück. „Mondsichel wird nicht gerne von Fremden berührt. Greife werden im Allgemeinen nicht gerne berührt. Dafür brauchen sie viel Vertrauen zu einem Menschen.“, erklärt Cilian. Wie um seine Worte Lügen zu strafen, macht Mondsichel wieder einen Schritt auf uns zu und lässt damit zu, das meine immer noch ausgestreckte Hand ihn berührt. Ich ziehe eine Augenbraue nach oben, als ich Cilian angrinse.
„Mich scheint er gleich zu mögen!“
Cilian lacht. Ich glaube ich erlebe gerade den wirklichen Cilian, den Menschen hinter dem Zirkelleiter. Er wirkt gelöst und entspannt. Spielerisch piekst er Mondsichel in die Brust und murmelt dem schönen Tier ein leises „Verräter“ zu. Der Greif ist davon wenig beeindruckt und genießt weiterhin meine Berührung. So langsam erregen wir Aufmerksamkeit, immer mehr Greifen werfen uns neugierige Blicke zu. Mir fällt vor allem einer junger Greif auf, der zwar guckt, aber seine Box nicht verlässt. Cilian bemerkt meinen Blick und erklärt: „Das ist Wüstenträne, der Greif von Mica. Sie ist noch sehr jung und unsicher wenn Mica nicht bei ihr ist.“ Auf einmal leuchten seine Augen noch mehr. „Komm, ich zeige Dir etwas ganz besonderes!“, sagt Cilian und zieht mich an Mondsichel vorbei in einen kleinen Raum am Ende der Greifen-Boxen.
„Das sind Eier“, entfährt es mir, als ich beiden großen Objekte sehe, die in diesem sehr warmen Raum in einem großen Nest liegen.
„Ja. Das sind die Geschwister von Wüstenträne. Ihre Mutter wurde von den Sandschurken getötet. Néthan hat dann Wüstenträne und die beiden Eier hierher gebracht.“
„Müssen die Eier den nicht ausgebrütet werden, damit sie schlüpfen?“, wundere ich mich.
„Nein, Greifen schlüpfen, wenn sie finden, dass der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist.“, klärt Cilian mich auf. Fasziniert trete ich näher ans Nest und streiche über eines der Eier.
Ich fühle das Leben darin und bevor ich mich dazu entschließen kann meine Hand wieder zurück zu ziehen, kommt Bewegung in das Ei. Es wackelt und vibriert, erste Risse bilden sich. Entzückt tritt Cilian näher, aber das bekomme ich nur am Rande mit. Meine Konzentration gilt ganz dem Ei. Ein kleiner Schnabel piekst ein erstes Loch in die Schale, um es konsequent zu Vergrößern. Immer noch liegt meine Hand auf dem Ei, direkt neben dem sich vergrößernden Loch. Dann wird es still. Das Ei wackelt nicht mehr. Dafür schiebt sich der Schnabel gefolgt von dem ganzen Greifenkopf durch das Loch. Der junge Greif sieht mich an und stößt einen Schrei aus. Wie hypnotisiert nehme ich die Hand von der Schale und berühre den Greifen am Hals, bevor Cilian mich daran hindern kann.
Sofort sehe das Bild eines kräftigen Windes und eines Gewitters vor meinem inneren Auge. „Wie ist sein Name?“, flüstert mir Cilian ins Ohr. Er ist ganz nah hinter mich getreten, um den Greifen zu betrachten. „Sturmwind“, sage ich.
Hinter uns erklingen aufgeregte Schreie, die Greifen haben sich vor dem Raum versammelt und begrüßen das neue Junge. Ungeduldig befreit sich Sturmwind endgültig aus dem Ei und tritt an uns vorbei auf den anderen jungen Greif –Wüstenträne, seine Schwester – zu. Aufgeregt ziehen sich die Greifen zurück und lassen Cilian und mich zurück.
„Das war wunderschön“ seufze ich, als wir alleine sind. „Das war ungewöhnlich. Eigentlich schließen Greifen nicht so früh einen Bund mit einem Reiter.“ meint Cilian.
„Bund? Reiter?“, ich bin verwirrt. „Ja, dass er dir seinen Namen verraten hat und eine Bindung zu Dir aufgenommen hat, macht dich zum neuesten Mitglied in unserem Orden der Greifenreiter…“

Am nächsten Morgen werde ich nicht von Lorelei, sondern von den Sonnenstrahlen geweckt, die über mein Gesicht streicheln. Ich bin immer noch vom letzten Tag überwältigt. Cilian hat mir erklärt, was eine Verbindung mit einem Greifen für mich und meine Magie bedeutet und auch, dass ich ab sofort für meine Zeit im Greifenorden trainieren soll. Auch wenn es noch dauert, bis ich tatsächlich auf Sturmwind reiten kann. Ab morgen werde ich also von Cilian in Wassermagie unterrichtet und auch in den Werten der Greifenreiter. Meine Haut kribbelt, als ich daran denke wieder so viel Zeit mit dem Zirkelleiter zu verbringen. Plötzlich fällt mir wieder ein, wie nah er gestern an mich herangetreten ist und wie er mir ins Ohr geflüstert hat. Eine Gänsehaut breitet sich auf meiner Haut aus. Warum reagiere ich so auf den, zugegebenermaßen attraktiven, Zirkelleiter? Was ist das überhaupt für eine Reaktion? Der Umgang mit Männern gehörte nicht zu dem, was Xenos mir beigebracht hat, auch wenn ich glaube, dass er die Reaktionen bei mir hervorrufen wollte, die Cilian jetzt auslöst.

Auf das leise Klopfen an der Tür antworte ich mit „Herein.“ Lorelei hat wieder ein Tablet voller Köstlichkeiten in der Hand. „Guten Morgen, Lady Alari!“ trällert die junge Dienerin fröhlich und stellt das Tablet auf dem Tisch der Sitzgruppe ab.  „Alari reicht“, teile ich Loreleo mit. Aber sie übergeht meinen Einwand: „Wie wäre es, wenn ich Euch ein Bad vorbereite? Und dann hole ich Eure saubere Reisekleidung aus der Wäscherei ab. Zirkelleiter Cilian hat mich gestern Euren Schrank etwas füllen lassen, damit ihr mehr als zwei Hosen zum Wechseln habt. Ich hoffe, die Sachen passen Euch.“ Bevor ich antworten kann, huscht Lorelei ins Bad und hantiert herum. Sprachlos über so viel Freundlichkeit falle ich über das Frühstück her und freue mich dabei besonders über den Speck.
Als ich fertig bin mit dem Frühstück, ist auch das Bad fertig, also gehe ich rüber und lasse mich in die im Boden eingelassene Becken sinken. Während Lorelei mich meinen Gedanken und wohligen Seufzern überlasst, plane ich meinen Tag. Erst ab morgen wird Cilian mich unterrichten, also werde ich heute den Zirkel noch einmal alleine Erkunden, bei Sturmwind vorbeischauen und die Bibliothek suchen. Ich liebe Bücher und jeder Zirkel verfügt über eine große Sammlung aufgeschriebenen Wissens.

Gesagt getan. Nach gefühlten zwei Stunden im immer noch warmen Bad (da ist doch Magie im Spiel!) und um viel runzlige Haut reicher, öffne ich den Kleiderschrank und betrachte meine neue Garderobe. Feinste Stoffe blitzen mir entgegen, Zirkelleiter Cilian ist wirklich großzügig! Ich entscheide mich für eine dunkle Wildlederhose und ein einfaches grünes Hemd, sowie eine Weste. Alles passt wie angegossen. Dazu trage ich meine geliebten Stiefel. Nachdem ich auch mein Haar endlich halbwegs gezähmt und gekämmt habe, begebe ich mich auf meine Entdeckungstour.
Ich finde die Wege von der Führung mit Cilian problemlos wieder und mache mich doch zuerst auf zu Sturmwind. Der liegt glücklich gurrend bei Wüstenträne und richtet sich auf, als er mich bemerkt. Langsam kommt der kleine Greif auf mich zu und lässt sich nach kurzem Zögern streicheln. Die Federn an seinem Hals sind geschmeidig und ganz zart. Als ich ein Bild von einem Regenbogen vor meinem inneren Auge sehe, brauche ich ein paar Minuten um zu begreifen, dass Sturmwind mit mir kommuniziert. Er ist glücklich, dass ich hier bin. „Ich bin auch froh hier zu sein, Kleiner“ sage ich zu ihm. „Aber jetzt werde ich mich auf die Suche nach der Bibliothek machen“. Sturmwind schickt mir das Bild von Regen, aber er sieht nicht ganz so unglücklich aus, als er sich wieder Wüstenträne zuwendet und sie spielerisch mit einer seiner kleinen Pranken anstupst. Zufrieden über meine Entscheidung erst Sturmwind aufzusuchen mache ich mich auf die Suche nach der Bibliothek. Um es mir einfach zu machen, frage ich einfach gleich den ersten Magier, der mir begegnet. Er ist jung, nicht viel älter als ich, groß, muskulös, hat dunkelbraunes Haar und ebenso dunkle Augen. Am meisten fallen aber seine Narben auf. Obwohl ich ihn unhöflich anstarre, während ich nach dem Weg zur Bibliothek frage sagt er nichts dazu, sondern erklärt mir nur unterkühlt den Weg. Ich muss nur um die Ecke, dann fände ich die Bibliothek schon. Super, ich war also schon in der Nähe! Nach dem ich mich bedankt habe gehe ich weiter, finde den ersehnten Raum des Wissens und suche mir ein Buch über Wassermagie.
Schnell habe ich einen dicken Wälzer gefunden, setze mich an einen der Tische und lese mich in die Lehren der Magier ein.

Als ich das nächste Mal aufschaue ist es draußen dunkel. Das große Bogenfenster, das mir heute Mittag noch Licht spendete, zeigt mir jetzt einen schönen Ausblick auf Chakas. Durch meine Elfenaugen ist mir gar nicht aufgefallen, dass es eigentlich zu dunkel zum Lesen geworden ist. Ich beschließe es für heute gut sein zu lassen, strecke mich, räume das Buch weg und gehe in mein Zimmer. Lorelei hat ein Tablet mit einer einfachen Abendmahlzeit für mich hingestellt. Was für eine gute Seele. Wenn sie mich weiter so füttert, werde ich noch dick. Aber sie hat Recht, ich habe Hunger. Auf jeden Fall macht sich mein Magen so laut bemerkbar, als hätte ich einen Bären gegessen.Also erste essen, dann schlafen. Guter Plan.
Wenig später lege ich mich gut gesättigt in mein Bett und freue mich auf morgen. Als ich dabei an die Stunden mit Cilian denke, durchfährt mich wieder ein wohliger Schauer.

Den nächsten morgen bin ich ausnahmsweise wach, gewaschen und angezogen, bevor Lorelei mich mit einem Frühstück wecken will. Ich stürze mich auf das Frühstück und lasse mich danach von der jungen Dienerin ins Cilians Arbeitszimmer führen. Da die Tür offen steht, trete ich ein ohne zu Klopfen. Cilian hat noch nicht bemerkt, dass ich da bin. Also genieße ich seinen Anblick, wie er konzentriert über einen Brief gebeugt ist und sich immer wieder eine verirrte Strähne aus dem Gesicht streicht. Als er fertig ist, aufblickt und mich sieht, scheinen seine blauen Augen zu strahlen. Er steht auf und kommt lächelnd auf mich zu. Ich kann mich gerade noch daran hindern ein dümmliches Lächeln auf zulegen und zu erröten.
Momentmal, was ist hier eigentlich los? Warum hat der Zirkelleiter so eine Wirkung auf mich? Nicht einmal die hübschen Elfenmänner haben mich aus der Fassung gebracht. Na ja, nicht so sehr jedenfalls. Aber bei diesem Mann ist es irgendwie anders. Er hat etwas an sich, das mich fasziniert. Dabei sollte meine Erfahrung mir sagen, dass ich ihn fürchten sollte. Immerhin ist er Zirkelleiter und war ebenso Schwarzmagier wie Xenos’. Aber selbst wenn ich wollte, ich könnte den Mann, der vor mir steht nicht fürchten. Wäre er ein schlechter Mensch, würden ihm wohl auch die Greifen nicht vertrauen.
„Guten Morgen, Alari“, reißt mich der bezaubernde Meistermagier aus meinen Gedanken. „Komm, wir gehen bei dem schönen Wetter raus. Deine ersten Lektionen mit Magie können wir überall absolvieren“. Also drehe mich um und Cilian führt mich, seine Hand auf meinen Rücken gelegt, in einen abgelegenen Teil des Zirkels, nahe den Greifen-Ställen. „So kann Sturmwind jederzeit zu uns stoßen, wenn er möchte“, erklärt Cilian die Platzwahl. Und tatsächlich, wir haben uns kaum ins Gras gesetzt, da kommen Sturmwind und Wüstenträne aus dem Stall gelaufen und lassen sich ebenfalls unweit von uns ins Gras sinken. Über unsere Verbindung schicke ich Sturmwind das Bild einer aufblühenden Blume, um ihm zu zeigen, dass ich mich über seine Anwesenheit freue. Ich werde mit einem leisen Schrei und wieder dem Bild eines Regenbogens belohnt.
Ich wende meine Aufmerksamkeit Cilian zu, der schon angefangen hat, mir die Grundzüge der Magie zu erklären und meine Unaufmerksamkeit hoffentlich nicht bemerkt hat.
Über die Theorie der Magie wird es viel zu schnell Mittag und Cilian muss unser Training für heute beenden. „Wir werden uns jeden Tag nach dem Frühstück in meinem Arbeitszimmer treffen, Alari. Übe noch ein wenig mit der Quelle deiner Magie in Verbindung zu treten. Wir sehen uns morgen.“, verabschiedet sich Cilian.
Ich bleibe noch sitzen und fühle, ganz die fleißige Schülerin, der Magie in mir nach, bis ich irgendwann Hunger kriege. Als ich aufstehe werde ich übermütig und schicke Sturmwind das Bild zwei rennender Kinder und warte nicht darauf, ob er das versteht, sondern sprinte los. Sturmwind versteht und macht sich halb rennend, halb hüpfend und die ganze mit den Flügel schlagend an die Verfolgung. Wüstenträne scheint das unter ihrer Würde zu finden und folgt uns langsam in den Stall. Hier verbringe ich mit den beiden noch den Rest des Tages und schicke Sturmwind viele Bilder aus meinem Leben.

In den nächsten Tage entwickelt sich so etwas wie eine Routine: Vormittags arbeite ich mit Cilian an meiner Magie und mache dabei gute Fortschritte, viel zu schnell wird es Mittag und Cilian muss gehen. Den Rest des Tages verbringe ich dann mit Sturmwind und Wüstenträne. Oft treffe ich dann auch Mica, die meist völlig entnervt aus ihrem Unterricht kommt, sich über ihren Lehrer und am meisten über die Buchstaben aufregt, die sie gerade meistern muss.
Diese Zeit wirst erst unterbrochen, als einer der seltenen Regentage in Chakas anbricht und Cilian das Training in die Bibliothek verlegt. Ich genieße die Zeit sehr, da ich das Gefühl habe, dass er entspannter und offener ist, wenn wir alleine sind und er nicht der Zirkelleiter sein muss. Als er von einem Diener kurz aus dem Raum gerufen wird, stelle ich mich vor die Bücher und stöbere nach meiner nächsten Lektüre. Tatsächlich finde ich ein Buch, dass aber außerhalb meiner Reichweite steht. Als ich versuche es zu erreichen und mich strecke, spüre ich plötzlich Cilians warmen Atem in meinem Nacken und seine breite Brust, die meinen Rücken berührt. Ich habe überall Gänsehaut und atme tief ein, weil Cilian einfach so gut riecht. Mit den Worten: „Ich helfe dir. Warte eben.“, holt Cilian das begehrte Buch aus dem Regal. Ich lasse mich ganz langsam zurück auf die Fersen sinken und drehe mich um, dabei scheint die Zeit fast stillzustehen. Ich sehe kleine Staubpartikel, die im grauen Tageslicht tanzen, das durch das Fenster dringt. Langsam blicke ich zu ihm auf. Seine blauen Augen scheinen zu glühen, als er mir langsam das Buch gibt. Ich streife seine Finger und ziehe scharf die Luft ein, weil meine Finger plötzlich kribbeln. Der Laut sorgt dafür, dass sich Cilians Augen auf meine Lippen richten. Langsam, ganz langsam beugt sich Cilian vor und küsst mich in unserer kleinen Zeitblase. Erst vorsichtig, als hätte er das jahrhundertelang nicht mehr gemacht und dann immer leidenschaftlicher. Und ich erwidere seinen Kuss.
Abrupt unterbricht Cilian unseren Kuss und tritt ein Schritt zurück. Seine Augen werden etwas dunkler und kühler, als er mich fassungslos, erschreckt und auch enttäuscht anstarrt. Dann dreht er sich wortlos um und lässt mich stehen. Seine Reaktion hätte kaum schmerzlicher ausfallen können, immerhin hat er mich geküsst! Ich verstehe nicht, warum er so reagiert hat, aber mein Herz versteht die Reaktion. Schmerzhaft zieht es sich zusammen. So schnell ich kann verlasse ich die Bibliothek und kehre in mein Zimmer zurück, um mich den Rest des Tages in Selbstmitleid zu suhlen. Mein erster Kuss und der Mann, der mich geküsst hat, dreht sich einfach um und geht. Ich liege auf dem Bett und lasse den Tag vorüber ziehen, ohne mich von Lorelei stören zu lassen, die versucht mich zum Essen zu animieren. Ich liege einfach da, streichle mein wundes Herz und ärgere mich über mich selbst, dass mir ein Kuss, mein erster Kuss, so nahe geht.

Irgendwann muss ich eingeschlafen sein, denn als Lorelei mich weckt, wird es gerade wieder hell. „Zirkelleiter Cilian hat Euer Training abgesagt, Lady Alari. Er hat mich gebeten Euch auszurichten, dass Ihr Euch an Magier Nemus für weitere Lektionen wenden sollt, er selbst wird in den kommenden Tagen zu sehr beschäftigt sein.“, unterrichtet mich Lorelei, als sie das Frühstück auf dem Tisch abstellt. Feigling! Aber zugegeben, ich bin auch froh, Cilian nach gestern nicht sofort über den Weg laufen zu müssen. Seine Reaktion hat nicht nur mein Herz getroffen, sondern auch meinen Stolz. Verdammt, wann ist es eigentlich passiert, dass ich mir aus diesem Mann so viel mache oder gar in ihn verliebt habe?
Appetitlos stochere ich in meinem Frühstück herum und beschließe, dass Training heute zu schwänzen und gleich zu Sturmwind zu gehen.
Als ich mich nach meinem Frühstück zu Sturmwind aufmache, macht der aber deutlich, dass ich das Training brauche. Also suche ich Magier Nemus und finde einen freundlichen älteren Magier, der bereitwillig mein Training übernimmt. Nach wenigen Tagen erkenne ich, dass Sturmwind Recht hatte, ich brauche das Training und die Routine hilft mir auch Cilian und seine verletzende Reaktion zu vergessen. Wenn ich ihn nicht sehe gelingt es mir sogar ganz gut mir einzureden, dass ich nicht wirklich verliebt bin, sondern das eine ganz normale Reaktion auf einen attraktiven Mann ist. Zumindest, wenn man so lange weggesperrt war wie ich. Das klappt genau drei Tage.
Bis ich am dritten Tag abends in mein Zimmer komme und Lorelei mich mit einem Traum von Kleid auf dem Arm erwartet. „Zirkelleiter Cilian hat Euch zur Feier der Greifenreiter heute Abend eingeladen und Euch dieses Kleid bringen lassen, Lady Alari.“
„Wird er auch da sein?!?“, ist die erste Frage, die ich mir abringe kann. Dabei weiß ich nicht, ob ich hoffnungsvoll oder entsetzt bin. „Natürlich. Zirkelleiter Cilian ist der Gastgeber“, erwidert Lorelei mir. „Kommt, zieht das Kleid an, damit wir sehen, ob noch etwas geändert werden muss.“
„Habe ich eine Chance mich unpässlich zu melden?“, frage ich Lorelei. „Nein.“ Erwidert diese lächelnd. Ich seufze. Also gut.
Fast widerstandslos ziehe ich also das Kleid an und bestaune die zarte grüne Seide an mir im Spiegel. Das Kleid ist eng, tief ausgeschnitten und die Farbe passt perfekt zu meinen Augen.

Lorelei ist gerade mit meiner Schminke und meinen Haaren fertig, als Cilian erscheint und Lorelei bittet uns alleine zu lassen. Mein Herz meldet sich mit einem Stich zurück und vernichtet die drei Tage Überzeugungsarbeit, die ich mir gegenüber bis jetzt geleistet habe innerhalb von wenigen Augenblicken.
„Du siehst sehr schön aus.“, sagt Cilian nachdem er die Tür hinter Lorelei geschlossen und sich dagegen gelehnt hat. Möglichst weit weg von mir. Er hat sich ebenfalls schon umgezogen und sieht mit dem azurblauen Burnus, der etwas dunkleren Schärpe und dem weißen Gewand darunter verboten gut aus.
Sein Blick gleitet über das Kleid und bleibt einen Moment zu lange an meiner Taille und meinem Dekolleté hängen. Aber er reißt sich los und setzt eine ernste Miene auf, die deutlich macht, dass ich jetzt mit dem Zirkelleiter und nicht mit Cilian rede.
„Alari…“ Er seufzt. Senkt kurz den Blick und sieht mich dann direkt an. Ich weiß, was jetzt kommt. Ich kann es spüren, aber ich will es nicht hören. „Alari, das in der Bibliothek war ein Fehler. Es tut mir leid. Wir sollten einen freundschaftlichen, aber distanzierteren Umgang miteinander pflegen. Ich werde dich auch nicht mehr unterrichten, sondern die Aufgabe komplett an Nemus übergeben.“ Er senkt den Blick und ergänzt: „Ich hoffe Du verstehst das.“ Jetzt sieht er mich erwartungsvoll an. Innerlich sterbe ich gerade. Gefühlte tausend Tode gleichzeitig. Zumindest kommt es mir so vor. Als ob ich auf einmal neben mir stehen würde, mein Herz langsamer schlagen und gequetscht würde. Ich möchte nicht, dass er das sieht.
„Natürlich Zirkelleiter Cilian. Tun wir so, als wäre nichts passiert. Ich möchte Euch nicht in Situationen bringen, denen ihr nicht gewachsen seid“, erwidere ich kühl. Er wollte Distanz? Kann er haben! Cilian zuckt zusammen, als ich ihn so förmlich und kühl anspreche. Anstatt dazu etwas zu sagen, verabschiedet er sich mit einem „Bis zur Feier!“, dreht sich um und verlässt fluchtartig mein Zimmer.

Ich setze mich wieder auf den Stuhl vor dem Schminktisch und starre mein Spiegelbild an. Ich fühle nichts, aber ich friere. Wie lange ich ohne Tränen oder eine Gefühlsregung dasitze weiß ich nicht, aber plötzlich steht Lorelei hinter mir. Ohne ein Wort zu sagen, zieht sie unnötigerweise meinen Lippenstift nach, als wir ein lautes Klatschen, gefolgt von einem wütenden Zischen aus den Nebenraum, Micas Zimmer, hören. Als Lorelei die Tür öffnet, damit wir nachsehen können, was los ist, kommt der Magier, den ich nach dem Weg zur Bibliothek gefragt habe, aus Micas Zimmer. Keck zwinkert er mir zu und geht weiter. Gut, das muss dann wohl Néthan, Micas Lehrer, sein. Kurz darauf geht die Tür von Micas Zimmer auf. Sie will mir nicht sagen, was passiert ist und mir ist das Recht. Mir ist jede Lust auf Gesellschaft vergangen. Am liebsten würde ich jetzt einfach nur zu Sturmwind gehen und mich von ihm trösten lassen. Schweigend begeben wir uns zu Cilians Feier.
Der kleine Saal in der Nähe der Greifenställe, in dem die Feier stattfindet, ist wunderschön. Vor allem der Ausblick auf die Klippen durch die hohen Fenster ist atemberaubend. Nervös reiße ich mich von dem schönen Anblick los, der wohl auch Mica nicht kalt lässt und sehe mich um. Dieser Néthan steht mit einer schwarzhaarigen Schönheit bei einem der Fenster und flirtet, was das Zeug hält. Micas Blick verfinstert sich kurz, als sie meinem Blick folgt und die beiden sieht. Dann bleibt mein Herz stehen und ich wünschte, ich wäre weit, weit weg. Cilian hat uns bemerkt und kommt bereits auf uns zu. Dabei sieht er immer noch einfach verboten gut aus. Hätte er nicht in den letzten Minuten plötzlich hässlich werden können? Vielleicht kann ich ja einen Zauber dafür finden…
Er lächelt uns entgegen, wobei ein Schatten über sein Gesicht huscht, als sich unsere Blicke treffen.
„Die Damen sehen fabelhaft aus“ grinst uns Cilian an, wobei sein Blick wieder an meinem Dekolleté hängen bleibt. Ganz kurz nur, aber ich habe es genau gesehen. Ha! Guck dir an, was du nicht wolltest. In Gedanken strecke ich ihm die Zunge heraus. Ganz wie eine erwachsene Halbelfe es eben tun würde….
Als er erst Mica und dann mir in die Augen sieht, ergänzt er: „Aurelie und Lorelei haben ganze Arbeit geleistet. Dafür bekommen sie ein paar Kupferlinge extra. “
Nachdem wir uns artig bei ihm für das Kompliment bedankt haben, führt uns Cilian zu einer Gruppe von zwei Männern und drei Frauen, die sich angeregt unterhalten.
„Das sind Mica und Alari, zwei angehende Greifenreiterinnen“, stellt Cilian uns der Gruppe vor. Einer der Männer, etwa in meinem alter, betrachtet erst Mica und dann mich besonders intensiv. „Ich bin Serge“, stellt er sich vor. Mica runzelt kurz die Stirn, als wäre ihr Serge unangenehm.
„Du bist also die Halbelfe? Und jetzt mit dem kleinen Königsgreif verbunden?“ Er scheint keine Antwort auf seine Fragen zu erwarten, trotzdem nicke ich. Er ist zufrieden und wendet sich mit süffisantem Grinsen an Mica: „Und du bist der Mensch, der sich mit einem Königsgreif verbunden hat?“ Micas Stimme klingt dünn, als sie Serges Frage bejaht. Cilian scheint über den Empfang seines ach so tollen Greifenordens nicht besonders erfreut zu sein. „Mica und Alari werden Privatunterricht erhalten, bis sie sich mit ihren Greifen verbinden können. Bis dahin sind beide Mitglieder des Ordens, werden aber nicht am Training teilnehmen. Trotzdem werdet ihr die beiden als eine der euren behandeln.“, setzt er seine Ordensreiter in Kenntnis. „Wer wird sie unterrichten? Ihr persönlich?“ fragt eine der beiden jungen Frauen. Für meinen Geschmack ein Tick zu feindselig. Aber der Ton scheint bei Cilian nicht anzukommen oder es ist ihm egal. Als hätte er die Feindseligkeit nicht gehört, antwortet er: „Nein, Laora. Ich habe keine Zeit dazu. Ich habe beiden Lehrer gesucht, die das übernehmen. Nemus und…“ Sein Blick gleitet durch den Raum als suche er jemanden. „Néthan!“ donnert er durch den Raum, als er diesen mit der schönen Schwarzhaarigen entdeckt. Néthan schlendert entspannt auf uns zu „Ich warte nur drauf, dass wir endlich essen“, grinst er in die Runde der Greifenreiter. Das entlockt den jungen Magiern ein Lachen, na ja mir und Mica zumindest ein leises Lächeln und wir begeben uns zu Tisch.

Das Essen verläuft ohne Zwischenfälle. Abgesehen von dem Stachel in meinem Herzen, den Cilian dort platziert hat und offensichtlich gerne dreht. Er setzt sich zwischen Mica und Néthan, während er mich weiter weg zwischen Serge und Laora platziert hat. Um den Stachel nicht so zu spüren und das Lächeln zu ignorieren, das Cilian immer wieder Mica schenkt, spreche ich dem Wein mehr zu, als mir gut tut. Aber wen kümmert’s? Serge scheint mich da gerne zu unterstützen, er füllt mir immer wieder nach. Er scheint zu denken, ich würde seine Absichten nicht erkennen und nicht merken, dass mich immer wieder wie zufällig berührt.
Nach dem Essen wird Musik gespielt und einige von uns erheben sich zum Tanz. Als Néthan sich zusammen mit der schwarzhaarigen Schönheit erhebt, schlüpft Mica auf den Balkon hinaus. Serge bittet mich zum Tanz und ich gebe mir Mühe mich zu amüsieren. Ich will nicht weiter an den attraktiven Zirkelleiter denken, dessen Blicke uns finster verfolgen. Obwohl es mich freut, dass ihn Serges Aufmerksamkeit stört. Mein heimlicher Triumph verfliegt aber, als Cilian sich umsieht, die Stirn runzelt und dann Mica auf den Balkon folgt. Noch schlimmer wird es, als die beiden kurz darauf zurück in den Saal kommen und Cilian die verweinte Mica aus dem Saal heraus irgendwohin geleitet. Der Stachel der Eifersucht sticht heftiger zu und sitzt tiefer
. Serge scheint meine Stimmungsänderung mitzubekommen. Er führt mich zurück zu unseren Plätzen und füllt mein Weinglas wieder und wieder. Er scheint nicht daran zu denken, dass die Elfe in mir mehr Alkohol verträgt als ein normales Menschenmädchen in meinem Alter. Aber ich tue ihm den Gefallen und gebe mich gut angeheitert. Und so ganz falsch ist es nicht. Ich stehe immer noch neben mir, aber der Schmerz ist jetzt dumpfer. Als wäre er weiter weg.

Ich kichere gerade wie ein hohles, dummes Ding über einen von Serges blöden Witzen, als ein Schatten auf uns fällt. „Zirkelleiter Cilian“, säuselt Serge ebenfalls gut angeheitert, er grinst von unten zu Cilian hoch und nimmt dabei meine Hand zwischen seine.
„Findet ihr nicht, dass ihr genug habt? Soll ich dich in dein Zimmer begleiten Alari?“ fragt mich Cilian.
„Nein, danke Zirkelleiter Cilian, bemüht Euch bitte nicht. Serge wird dafür Sorgen, dass ich mich nicht verlaufe.“, antworte ich Cilian übertrieben freundlich. Cilian zieht seine Augenbrauen zusammen.
„Ich werde auf unser Sonnenschein hier gut aufpassen, Zirkelleiter Cilian.“, bekräftigt Serge mich, wobei er sich nicht die Mühe machte nicht zweideutig zu klingen.
„Gut.“ Mehr sagt Cilian nicht, sondern geht einfach. Ich verstehe ihn nicht, er sagt, dass der Kuss ein Fehler war. Also sollte ich doch meinen Spaß haben dürfen, oder? Auch wenn Serge keine ernsthafte Option ist. Da mir der Spaß an dem Abend endgültig vergangen ist, stehe ich auf und lasse eine enttäuschten und leicht angesäuerten Serge mit einem „Gute Nacht“ im Festsaal zurück. Überhaupt, als ob ich den Weg zu meinem Zimmer nicht alleine finden würde!

Im meinem Zimmer werfe ich alle Kleider von mir und gehe, wegen der immer noch warmen Nacht, wieder nackt schlafen. Als ich mich hinlege, dreht sich alles. Vielleicht war das doch zu viel Wein. Ich hoffe, dass sich das morgen nicht rächt. Über Cilian grübelnd schlafe ich ein…
…und erwache –gefühlt nur wenige Minuten später- weil meine Zimmertür mit einem lauten Knall gegen die Wand kracht. Ich springe reflexartig aus dem Bett und wähne mich schon nackt einem Angreifer gegenüber, als ich sehe, dass es Cilian ist, der die Tür aufgeworfen hat und mich jetzt anstarrt. Von Draußen höre ich Lorelei: „Zirkelleiter Cilian, was ist…?“ Weiter kommt sie nicht, den sie wird von ihrem Zirkelleiter äußert unwirsch unterbrochen: „Geh! Lass uns allein.“ Dann schließt er die Tür und dreht sich wieder zu mir um.
„Ist er hier?!?“, Cilian wirkt aufgebracht. „Er hat dich doch gebracht, oder? Bestimmt ist er hier. Ist er in Deinem Bett? Serge, komm raus!“ Oh ha, da ist aber jemand aufgebracht. „Wen ich in mein Bett lasse, ist nicht Eure Sache, Zirkelleiter Cilian.“ unterrichte ich ihn. „Abgesehen davon war und ist niemand hier.“ Wieso genau habe ich jetzt den Zusatz von mir gegeben?
Cilian sieht mich an und macht dann vier große Schritte auf mich zu. Er packt mich, drückt mich an sich und küsst mich.
„Du bist wunderschön!“ Seine Stimme klingt irgendwie anders, rauer und animalischer als er sich von dem Kuss löst. Er küsst mich wieder und führt mich langsam Richtung Bett. Ich weiß, ich sollte das nicht zulassen. Ich sollte vernünftig sein und wir sollten das erst klären. Warum er das vorher nicht wollte. Wovor er Angst hat. Ich weiß das alles, aber das Denken und rationale Handeln funktioniert nicht so gut, wenn ein attraktiver Mann einen so leidenschaftlich küsst und eindeutig noch anderes im Sinn hat. Als Cilian und ich in die Laken sinken, will ich auch gar nicht mehr reden. Ich will fühlen und die Nacht genießen.

Ich weiß gar nicht, was mich geweckt hat. Ob Cilian ein Geräusch gemacht oder seine Abwesenheit neben mir mich geweckt hat. Als ich wach werde, hat er gerade den halben Raum durchquert. „Wo willst Du hin?“, frage ich ihn. Ein Blick aus dem Fenster zeigte mir, dass es sehr früh war. Ich setzte mich auf – puh, zum Glück scheint sich der Wein von gestern nicht zu rächen – und raffe, plötzlich schamhaft, die Decke vor der Brust zusammen, bevor ich aufstehe. Cilian zuckt zusammen und dreht sich langsam und offensichtlich schuldbewusst zu mir um. Er guckt überall hin, nur mir nicht in die Augen. Schließlich saugen sich seine Augen an dem Bett hinter mir fest. Ich weiß, dass er einen kleinen Blutfleck auf dem weißen Laken sieht. Während er auf den Fleck starrt, setzt er tonlos zu einer Erklärung an: „Alari, das hätte ich nicht tun dürfen. Das hätte nicht passieren dürfen. Meine Familie ist tot. Ich kann mein Herz nicht für eine anderen öffnen. Nicht einmal für dich…“ Ich fange an zu zittern. Er kann mir das nicht schon wieder antun. Diesmal kann ich die Tränen nicht zurück halten, ich habe bereits zuvor gedacht, dass mein Herz zerbrochen wäre. Die Wahrheit ist, jetzt ist es wirklich in tausend Teile zersprungen und Cilian zermalmt auch die letzten großen Scherben unter seinen Stiefel. Ich bin so traurig, so machtlos, so wütend. Ich nehme das Buch aus der Bibliothek vom Tisch, das dort seit Tagen unberührt herumliegt. „Raus! Raus hier! Verschwinde!“, ich gebe mir keine Mühe leise zu sein, als ich Cilian anschreie und das Buch nach ihm werfe. Ich verfehle ihn nur, weil er ausweicht. „Wag es nie wieder mich anzusprechen!“, rufe ich ihm hinterher, als er sich zur Tür wendet und geht.
Das Klicken des Schlosses klingt wahnsinnig endgültig und hallt in meinem leeren Herzen nach. Kraftlos sinke ich auf das Bett, rolle mich zusammen und lasse all meine Trauer heraus.

Als ich keine Träne mehr hervorbringe, schleicht sich Lorelei ins Zimmer und lässt mir ein Bad ein. Aber ich kann nicht zur Ruhe kommen. Ich bleibe nicht lange in dem warmen Wasser, sondern ziehe mich an – MEINE Kleider- und gehe zu Sturmwind.
Er versteht mein Kummer so gut wie ein Greif , der seine Mutter nie kennenlernen durfte, das eben kann und tröstet mich wieder. Er übermittelt mir sogar ein Bild, mit dem er mir verspricht kein Wort mehr mit Cilian zu wechseln.
In den dunklen Tagen danach, funktioniere ich zwar, gehe zum Training, gehe zu Sturmwind und habe auch mein Schwertkampftraining wieder aufgenommen. Aber ich lebe nicht. Wann immer ich im Zirkel unterwegs bin, halte ich nach Cilian Ausschau und wann immer ich ihn sehe, schlage ich einen anderen Weg ein. Ihn jetzt zu sehen würde meinen dünnen Seelenfrieden zerreißen und mich zerstören. Solange ich beschäftige bin, kann ich weiter machen, das bedeutet, dass vor allem die Nächte schlimm sind. Oft schlafe ich bei Sturmwind, aber immer öfter bin ich nachts in Chakas unterwegs und Versuche wann immer es geht in Ärger zu geraten, um dann, nach ein paar schönen Kämpfen, erschöpft ins Bett zu fallen. Die letzten Wochen gingen diese Ausflüge gut und keiner scheint meine nächtlichen Ausflüge bemerkt zu haben. Nur Sturmwind ist unglücklich über meine Streifzüge, den er kann mich nicht begleiten.
So schleiche ich mich auch heute Nacht aus dem Zirkel, ausnahmsweise nicht auf der Suche nach Ärger.
Aber heute findet der Ärger mich. In einer Seitengasse, gerade außerhalb des Sichtbereichs des Zirkels, werde ich plötzlich von sechs Gestalten umringt. Entweder Diebe, wahrscheinlich aber Kanalratten, die mein Gold wollen. Ohne eine Warnung greifen sie mich an. Ich schlage mich ganz gut gegen die Übermacht, weiß aber, dass ich nicht lange gegen sechs Gegner bestehen kann. Schon hat mich der erste mit seinem Messer am Oberarm erwischt, weil ich mit meinem Schwert nach einem anderen Gegner gezielt habe. Neben dem Schnitt am Oberarm verpasst mir die Ratte noch einen Kinnhaken, der mich ins Schleudern bringt. Ich bin kurz benommen und werde in dem Augenblick entwaffnet.

„Gib uns dein Gold!“, knurrt eine der Ratten. Vielleicht ihr Anführer. „Ich habe kein Gold dabei!“, versuche ich ihm klar zu machen und lüge damit nicht einmal. „Du lügst! Du kommst aus dem Zirkel, Du musst etwas Wertvolles bei dir haben.“ Bevor ich reagieren kann, hat mich der Sprecher gepackt und gegen die Hauswand gedrückt. Sein Unterarm drückt mir langsam die Luft ab, aber er grinst nur, als er meine Pein bemerkt. Mit seiner freien Hand sucht er meinen Körper nach Kleinod ab, auch an Stellen, an denen Niemand seinen Münzbeutel oder Schmuck versteckt. Langsam schränkt sich mein Sichtfeld ein, die Ränder werden schwarz. Ich kriege kaum noch Luft. Gerade, als ich in die Bewusstlosigkeit abzugleiten drohe, bricht Unruhe unter den Kanalratten aus. Ein großer schwarzer Schatten landet hinter dem Kerl, der mich gegen die Wand presst. Die Männer treten einen Schritt zurück und mein Angreifer lässt mich los. Hustend sinke ich an der Hauswand hinab und hole mehrmals tief Luft. „Geht oder ich vergesse mich!“ sagt eine bekannte Stimme, die eine Saite in mir zum klingen bringt. Der Satz wird von einem Greifenschrei untermauert, die Kanalratten nehmen die Beine in die Hand und verschwinden.
Cilian hebt mein Schwert auf und kommt zu mir. „Dummes Mädchen. Weißt du, was Dir alles hätte passieren können?“ während er mich verärgert anfunkelt, hebt er mich auf seine Arme und bringt mich zu Mondsichel, der ihn begleitet hat. „Wie..?“ krächze ich, mehr lässt mein geschundener Hals nicht zu. „Still! Sturmwind hat die Gefahr gespürt und mich hergelotst. Ohne ihn wärest Du jetzt vielleicht tot!“, seine Augen sind hart ebenso wie seine Stimme. Oh oh, Cilian scheint wirklich sauer zu sein. Aber ich liege in seinen Armen. Wider besseren Wissens genieße ich die Nähe zu ihm.
„Oder schlimmeres!“ fährt Cilian fort. „Ich habe genau gesehen, wie der Anführer dich angefasst hat.“
Cilian seufzt. „Ich dachte… ich dachte ich würde Dich verlieren.“, gesteht er mir leise und sanfter. „Chtztch?“ Hmmm-hm, ja, sehr elegant, aber was will ich machen? Ich glaube ich werde in den nächsten Tagen nicht viel sprechen können. Cilian grinst auf mich herunter. Er setzt mich auf den Rücken von Mondsichel, der mir ein Bild einer Umarmung schickt, was ich mit einem Kraulen seines Halses beantworte. Nachdem Cilian sich hinter mich gesetzt hat und mich an seine breite Brust drückt, murmelt er in mein Ohr:
„Es tut mir leid. Ich hätte dich nicht so verletzen dürfen. Aber du bringst mich durcheinander und berührst mich auf eine Weise, wie schon lange keiner mehr vor dir. Ich habe Angst. Ich habe meine Frau und Kinder vor so langer Zeit verloren… Und trotzdem habe ich ihnen gegenüber Schuldgefühle, wenn ich mich auf ein Leben voller Glück einlasse, obwohl sie tot sind. Aber ich habe erkannt, dass ich dich brauche. Ich bitte dich, hab Geduld mit mir. Gib mir Zeit und Hilf mir ein Leben neben dem Zirkel und den Greifen aufzubauen. Lass uns entdecken, was aus uns werden kann.“
Er hat nicht gesagt, dass er mich liebt. Noch nicht. Aber er gibt uns eine Chance, mehr brauche ich vorerst nicht. Zur Antwort Kuschel ich mich enger an ihn und Cilian scheint zu verstehen, was ich damit ausdrücken möchte. Zusammen fliegen wir zurück in den Zirkel und beginnen ein Abenteuer der ganz anderen Art.

Rothaarige Elfe

2 Gedanken zu “Fanfiction zu „Die Greifen-Saga 02: Die Träne der Wüste“ von C.M. Spoerri

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